Crisis management from hell

Der Begriff Evakuation (lateinisch: evacuare »leeren«, »ausleeren« ) wird auch im technischen Bereich verwendet, wenn es um das Herstellen eines Vakuums in einem Gefäß geht. (Luftleer machen.) Nur als Hinweis, falls mal wieder jemand Personen irgendwo evakuieren will.

Es folgt eine Zusammenfassung der gestrigen und heutigen Ereignisse aus Sicht eines Anwohners.


Am Freitag Morgen (genaue Uhrzeit ist nirgends zu finden) wurde hier eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg gefunden. Dann geschah eine Weile lang erstmal nichts. Ab ca. 13:30 Uhr kamen dann regelmäßig durchsagen über Alarmsirenen:

Etwa eine Stunde später fuhr auch die Polizei mit Lautsprecherwagen durch die Straßen und erzählte etwas von einem Radius von 400m um die Fundstelle, in dem alle ihre Häuser verlassen müssten. Eine kurze Prüfung mit Zirkel und Karte ergab, dass das uns genau nicht mehr betrifft. Selbst wenn, dann hätte man das schon noch rechtzeitig erfahren – so meine illusorische Annahme. Zwischenzeitlich suchte man sich auf dresden.de vergebeblich den Wolf nach verlässlichen Informationen. Dafür hatten die Medien das Ereignis schon aufgeschnappt und verkaufen jede Halbwahrheit auf Twitter als Information zur #Fliegerbombe.

Gegen 19:15 Uhr – bis dahin war nichts nennenswertes mehr geschehen – verließ ich das Haus zu Fuß Richtung Zentrum, begab mich dabei durch die 400m-Todeszone und passierte mehrere Polizisten, von denen keiner einen Anschein machte, mich aufhalten zu wollen. Dafür sah ich, wie aus dem Block auf der Pfotenhauer pflegebedürftige Senioren aus ihren Wohnungen gebracht und in Krankentransporte gesetzt wurden. (Hier stellte sich mir das erste mal die Frage, was da eigentlich seitens der Verantwortlichen befürchtet wurde. Der Block steht in 2. Reihe aus Sicht der Fundstelle und ca 250m – 500m Luftlinie entfernt.)

Nach einem Abendessen mit Freunden begab ich mich wieder, zu Fuß, auf den Rückweg nach Johanstadt, passierte wieder die Todeszone und noch mehr Polizisten als zuvor, von denen mich wieder keiner aufhielt. Erst an der Haustür stand eine Polizistin, die mich fragend ansah, was ich denn hier wollte. Auf ein »ich wohne hier« kam ein »ha, na und?« zurück, ich solle mich zu den Notunterkünften begeben. »Um ein paar Sachen zu holen« durfte ich dann noch »X minus 3 Minuten« rein. m( WIR WERDEN ALLE STERBEN!

Am Aufzug traf ich einen Mann, den ich zuvor (glaube ich) nur selten im Haus gesehen habe. Mein Smalltalk-Versuch, ob er wisse, auf welcher Rechtsgrundlage das hier alles passiere, hat er gekonnt ignoriert, als würde ich eine Fremdsprache sprechen. Schönen Gruß an dieser Stelle. Oben angekommen, entschied ich mich zu bleiben. Es war inzwischen 00:30 Uhr und ich ziemlich müde. Dann klingelte es an der Tür: dort standen 4 Cops in diesen neuen, schwarzen, vertrauensstiftenden Uniformen, entschuldigten sich halbherzig für die späte Störung, aber wir müssten alle raus. Was will man da noch machen? Vor allem wenn man später liest, dass die Feuerwehr noch Türen aufbricht um Widerwillige raus zu holen? Ich konnte die Nacht dann bei einem Freund auf der Couch unter kommen, der (Luftline) nur wenig mehr von der Fundstelle wohnte. Um dort hin zu kommen musste ich allerdings einmal um’s Viertel herum laufen, man will sich ja nicht mit den Einsatztrupps der Bundespolizei anlegen.

Liebe Organisatoren der Stadt,

Ich hätte diesbezüglich ein paar Fragen!

Warum wird man Nachts um halb Eins, ca. 16 Stunden nach dem die Bombe gefunden wurde, aus seiner Wohnung geschmissen? Hätte man das nicht gleich ab Mittag kommunizieren können, welche Häuser genau evakuiert werden müssen? Man hätte dann selbst rechtzeitig eine Ausweichunterkunft organisieren können. Das ganze wäre wesentlich stressfreier von statten gegangen.

Warum finde ich den Plan dafür, welche Häuser genau geräumt werden sollen, heute Vormittag auf der Website einer kommerziellen Lokalzeitung (wo zu befürchten ist, dass die mit Urheberrechtsbullshit kommen, wenn ich es hier poste)?

Was wäre denn das Worst-Case-Szenario, dass eine dermaßen ausgedehnte Räumung rechtfertigt? Ist ernsthaft zu befürchten dass 400m entfernt stehende Plattenbau-Komplexe bei einer unkontrollierten Detonation einstürzen, oder so sehr beschädigt werden, dass Einsturzgefahr besteht? Wenn dem so wäre, dann könnte man das Kommunizieren und hätte wohl wesentlich weniger Widerspruch der Anwohner zu erwarten. Wahrscheinlicher ist da doch die Gefahr, dass Bombensplitter und Druckwelle Fensterscheiben beschädigen und dadurch eine Verletzungsgefahr für die Bewohner resultiert. Aber muss man sie deshalb zwingen, die Wohnung zu verlassen? Man könnte sich die Nacht auch einfach in einem Raum auf der der Bombe abgewandten Seite verbringen.

Und letztlich die Frage nach der rechtlichen Legitimation, Leute aus ihren Wohnung zu zwingen. Klärt sie über die Risiken auf und wer dann bleiben will, tut dies in Eigenverantwortung.

Es ist ja nachvollziehbar, dass die Kampfmittelbeseitiger lieber auf Nummer sicher gehen, aber das wussten die bestimmt nicht erst seit 00:30 Uhr!

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