In vino veritas – die rassistische Stimmung in Bautzen

Gestern Abend gab man sich (bis auf einige Ausnahmen) bei Anne Will die Mühe, die Ausschreitung in Bautzen zu relativieren, das Problem mit einer rassistischen Grundstimmung klein zu reden. Die Grenze zur Unerträglichkeit touchierte der CDU Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer dabei gleich mehrmals. Gebetsmühlenartig, beinahe stoisch und wie in Trance versuchte er immer wieder die Schuldfrage auf die »minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlinge« zu lenken, die sich seiner Meinung nach nicht so verhielten, wie die Deutschen das erwarten und deshalb die Ausschreitung direkt provoziert hätten. Mich würde interessieren, wie sich von Krieg traumatisierte Jugendliche, die auf sich alleine gestellt, eine Flucht über einen ganzen Kontinent hinter sich habend, seiner Meinung nach verhalten sollten, um auch ja nicht den guten deutschen Sitten zu widersprechen. Soviel zum Thema politische Verhältnisse in Sachsen seit der Wiedervereinigung.

Im weiteren Verlauf wurde ein Video eingespielt, dass den Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrends im Gespäch mit dem aufgebrachten, rechten Bürgern zeigt (In der Sendung ab ca. 19:55). Auf Youtube finden sich diese Ausschnitte in etwas anderer Zusammensetzung (leider von BILD):

Ab 0:39 stellt sich Ahrends einem Monolog eines, wie er bei Anne Will später betont, betrunkenen Bautzners. Dieser fordert ihn, unter Beifall der umstehenden, auf, sich den Bürgern zu stellen. m(

Die Wortwahl des »besorgten Bürgers« ist entlarvend:

[…] wir bleiben auch sachlich, aber es kann nicht sein, dass alle Mädchen und die ganzen Neger, … sagen wir wirklich Neger, die hier da sind… Wir haben garantiert nichts gegen Leute die hier schon ihren … Kebab verkaufen, ihren Scheiß haben, ihre Baguetteriea, ihr Bistro, … irgendwas, Kopftuchträger mit den Kindern, die spazieren gehen, Eis essen

Aber nicht gegen die 19, 15, 14-jährigen… ihr wisst doch selber, dass das Kindersoldaten sind, warum holt ihr die denn… die haben weder angst vor Kuttenträgern, weder angst vor Nazis, weder angst vor [unverständlich]. Die rennen mit 8… sobald die 8 Jahre sind, rennen die mit einem Speer auf ein Löwe. Verstehst Du das? Das sind Kindersoldaten die du rein holst.

(Das Zitat ist ein Transkript eines Teil des oben Gezeigten Youtube-Videos. Dieser Ausschnitt wurde auch in der Sendung »Anne Will« am 18.09.2016 gezeigt)

»Neger« die Angst vor »Kuttenträgern« oder »Nazis« haben, wollen wir hier nicht. Der Ausländer hat Kebab zu verkaufen und sonst die Fresse zu halten.

Es steht jedem frei selbst zu deuten, was genau dieser Mann mit »Kuttenträger« mein. Wer, der nicht ein gefestigtes, rassistisches Weltbild hat, würde so etwas von sich geben? Hier tritt der Rassismus nicht nur sicht- und hörbar zu Tage, er trieft aus jeder Pore. Der  »Neger« ist in seiner Vorstellung ein Wilder, der als Kind schon Löwen jagt und nur zum Kindersoldaten taugt. Der Steht in der Rangordnung noch unter dem (vermutlich) Südeuropäer/Türken, der geduldet wird, solange er Kebab verkauft. Dann darf sich die Frau sogar auch mit Kopftuch auf der Straße zeigen. (Wobei ich das für gelogen halte, dass ihm das egal ist.) In solchen Momenten zeigt sich das wahre Gesicht, die hässliche Fratze des Rassismus eines nicht mehr unerheblichen Teils der Gesellschaft. Wer hier noch mit »Ängsten« der Bevölkerung argumentiert, hat das Problem nicht erkannt oder will es bewusst klein reden. Dieses Problem wird uns noch auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte begleiten und noch schlimmer werden, so lange Politiker wie Herr Kretschmer den Ton angeben. Der Fisch stinkt bekanntlich immer vom Kopf her.

 

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