Ohne Anstand

Der schamlose Egoismus und die damit einhergehende Kaltherzigkeit einiger Menschen machen mich einmal mehr sprachlos. Heute tragen wieder die ach so stolzen »Deutschen« in Dresden ihre Einfalt zur Schau und fordern die Grenzen der »Festung Europa« dicht zu machen. Wie abgebrüht, wie anstandslos muss man sein, sowas angesichts des weltweiten Elends zu fordern?

(Mitglieder der »Identitären Bewegung« skandieren: »Festung Europa, mach die Grenzen dicht!«)

Am unteren Ende des Kapitalismus sterben Menschen. Täglich. Tausende. Und das nicht erst seit gestern. Das Beispiel Nestlé ist kein neues, freilich aber ein sehr anschauliches dafür, warum das so ist: Dieser europäische Konzern kauft im großen Stil die »Rechte« an Trinkwasserquellen in Afrika um dieses Wasser in Flaschen abgefüllt mit obszönen Gewinnspannen an die Mittelschicht zu verkaufen. Die Unterschicht kann sich die Preise für das Wasser in den seltensten Fällen leisten. Selbst die Arbeiter aus den Nestlé-Fabriken nicht. Wie bizarr. Die Gewinne fließen an Nestlé nach Europa und hier zum Großteil an die reiche Oberschicht. Aber auch an Banken, Renten- und Versicherungsfonds die Anteile der Aktiengesellschaft Nestlé im Portfolio führen und somit auch an uns. Irgendwo müssen die Zinsen aufs Tagesgeldkonto ja herkommen. Man sollte sich nicht der bequemen Annahme hingeben, hierbei handle es sich um ein besonders perversen Ausnahmefall. Das ist die Regel in der globalisierten Wirtschaft, das sind reale Fluchtursachen.

Nun könnte man diese Handlungsweise offen in Frage stellen und eine Debatte führen, ob wir unseren Wohlstand tatsächlich auf kosten der Ärmsten der Welt »verdient« wollen. Oder man stellt sich auf die Straße und fordert »Grenzen dicht!«, das ist schön einfach und strengt den Kopf nicht zu sehr an. Aber wie anders als niederträchtig könnte man diese Haltung beschreiben?

Wir befinden uns in einem labilen Schwebezustand. Die Frage ist nicht, ob dieses System zusammenbrechen wird, sondern wann. Und ob das ganze friedlich ausgehen wird. Unser Einfluss auf die letzte Frage schwindet (wenn wir ihn je hatten) immer mehr. Kriege um Rohstoffe und Handelswege toben schon lange, nur noch nicht direkt bei uns. Noch eine Fluchtursache, die doch eigentlich alle Bekämpfen wollen. Und trotzdem fordern sie »Grenzen dicht!« Ich frage mich, was für eine Welt diese ihren Kindern hinterlassen wollen?

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