Vom Fahrradfahrer und dem Bänker

Heute morgen schallte es aus dem Radio, das auf die Frequenz URL des Deutschlandfunks eingestellt war, der Franzose mit dem Namen einer Niederländischen Provinz wolle die Arbeitslosigkeit in seinem Land bekämpfen. Er sieht seine Felle nach rechts davon schwimmen und erhofft sich durch eine Reform des Arbeitsmarkts die Gunst der Wähler wieder zu gewinnen. Dieser Gesetzesentwurf sieht vor, die maximale Wochenarbeitszeit von derzeit 35 Stunden auf 39 bis, in Ausnahmefällen, 60 Stunden zu erhöhen. Konzerne sollen diese zeitweise Erhöhung mit ihren Angestellten und den Gewerkschaften vereinbaren. Das Smart-Werk in Hambach verfährt wohl schon jetzt so. 39 Stundenwoche bei lediglich halber Lohnerhöhung, dafür aber mit »Jobgarantie«. Oder anders ausgedrückt: »Schönen Job hast du da. Wäre doch jammerschade wenn dem was zustoßen würde!«

Mich würde interessieren, wie die Steigerung der individuellen Arbeitszeit den Anteil derer reduzieren soll, die keine Arbeit haben. Mit Mitteln der einfachen Mathematik lässt sich das nicht erklären. Das ist die »Logik« des Kapitals. Der Egoismus des Einzelnen, der zum Wohlstand für alle führt. Wie gut das Klappt, sehen wir an Deutschland, das Frankreich in Bezug auf Reformen des Sozialstaats um Längen voraus ist. Hier haben wir Ein-Euro-Jobs und mit Harz4 gleich die nötige Zwangsmaßnahme diese unbedingt annehmen zu müssen. Arbeitsämter heißen hier Job-Center, auf Wirtschaftlichkeit getrimmt von McKinsey sodass der Einzelfall (sprich: der Mensch) untergeht in der grauen Masse die automatisiert abgefertigt und bei Bedarf nach vorgeschriebenen Quoten sanktioniert werden kann.

Bei jedem Apothekenbesuch blättert man zehn Euro hin, nach dem man wochenlang auf einen Arzttermin gewartet hat. Mit der »Gesundheitskarte« und »Fitnessarmbändern« stehen schon die nächsten Möglichkeiten zur »Optimierung« in den Startlöchern. Da höre ich schon einen Grünen aus der Ecke vor sich hin fordern, die Menschenwürde solle doch bitte gewahrt bleiben. Bis zur nächsten Reform. Derweil werden die Schlangen vor den Tafeln immer länger, was im Übrigen absolut nichts mit den Flüchtlingen zu tun hat. Die berühmte Schere geht halt komischer weise immer weiter auf. Ich halte das für ein selten dämliches Bild. Eine Schere hat konstruktionsbedingt einen maximalen Öffnungswinkel, der nicht überschritten werden kann, ohne sie aus der Angel zu heben. Die Angel der »Schere Deutschland« ist derweil lange geborsten. Genauer gesagt, wächst das Privatvermögen stetig und rasant weiter an, auch über alle Krisen hinweg. Man könnte fast zu der Überzeugung gelangen, die Krisen seien kein Fehler im System sondern eine notwendige Eigenschaft dessen. Die Krisen als die Ereigniskarten des real existierenden Monopoly, um die ganze Sache nicht langweilig werden zu lassen.

Auch im Schulsystem und der Infrastruktur geht Deutschland ganz im sinne der Logik des schlanken Staats voran. Mit öffentlich-privaten Partnerschaften z.B. im Straßenbau wird die Staatskasse langfristig von ihren Steuereinnahmen entlastet. Um die völlig unterbesetzten und unterbezahlten Polizeien zu entlasten, machen Vorschläge die Runde, die Verantwortung für die Aufnahme von Verkehrsunfällen, Tempokontrollen und Ähnliches an private Unternehmen zu übertragen. Machen wir uns nichts vor, in den nächsten Jahren werden wir erleben, wie auch das Bildungswesen zunehmend privatisiert wird. Und man wird uns das wieder einmal als die Lösung verkaufen gegen die Tatsache, dass die Bildungschancen in diesem Land wesentlich vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Tatsächlich wird es genau das Gegenteil bewirken. Was auch sonst?

Wir beobachten, wie der »untere Teil« der Gesellschaft immer größer wird und wie wir gleichzeitig tagtäglich überflutet werden mit Werbung. Kaufen, marsch marsch! – damit die Maschine sich noch ein bisschen weiter dreht. Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen abgehängt fühlen, da Konsum zum einzig Sinnstiftenden im Leben stilisiert wird. Wo aber die Erklärung für die Probleme fehlen, bzw. die Erklärungsversuche der Medien immer seltener mit der Realität in Einklang zu bringen sind, läuft man dem nächst besten Hetzer hinterher, der einem einen Sündenbock präsentiert. »Lügenpresse« tadelt hier nur dummerweise nicht das Geschäftsmodell von BILD und co. sondern lediglich die Tatsache, dass nicht die eigenen Feindbilder bedient werden. Hier kommt mir noch ein Bild in den Sinn, das die Wirklichkeit nur zur Hälfte abbildet. Kennt ihr die Geschichte vom Flüchtling, dem Arbeiter und dem Bänker, die um einen Tisch mit einem dutzend Kekse sitzen? Das Bild muss um einen Akteur erweitert werden.

Der Bänker sitzt schon lange nicht mehr mit am Tisch und hat elf und einen halben Keks in seiner Tasche. Die Aufgabe, dem Arbeiter zu erzählen, der Flüchtling wolle ihm seinen halben Keks weg nehmen übernimmt ein willfähriger Trottel – nennen wir ihn mal Butz Lachmann. Dieser Butz Lachmann ist ein systemtreuer »Fahrradfahrer«, der nach oben Buckelt und nach unten tritt in der Hoffnung, als Hofschranze des Bänkers etwas mehr als nur einen Krümel abzubekommen als Gegenleistung dafür, dass er die Armen aufeinander hetzt und sie so von seinem Herren ablenkt.

Klar, wir können dem Irrsinn von Pegida & Co. mit Hohn und Spott begegnen oder versuchen dagegen zu argumentieren, wobei wir vermutlich auf inzwischen völlig taube Ohren stoßen würden. Ich muss ehrlich gestehen, ich habe auch keine Idee, was man sonst tun könnte. Spätestens wenn sie wieder im Stechschritt marschieren haben wir aber ein richtiges Problem. Die NSDAP wurde seinerzeit auch demokratisch gewählt. Das ist gerade mal gut 80 Jahre her. Und dann fragen wir wieder, wie konnte es so weit kommen, wer hatte Schuld? Nun, ich habe da eine Theorie. Es ist sicher nicht der Flüchtling aber auch nicht der Arbeiter oder gar Herr Lachmann.

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