Das Tal der Horizontlosen

Die »Zeit« hat einen Dresdner Schuldirektor interviewt, dem die CDU 2015 zu wenig Konservativ geworden ist und der mit Pegida auf die Straße ging. Auf die Frage, warum er nie aus Dresden weggegangen sei antwortet er:

Ich bin stolz auf meine Stadt. Hier ist die Sächsische Schweiz, hier ist das Erzgebirge nicht weit, hier hat man das Kulturangebot und den Fußballclub Dynamo Dresden – mehr braucht man nicht auf der Welt.

Da ist er wieder: der Standpunkt der eigentlich ein Horizont sein wollte aber mit einem Radius von Null eben doch zu beschränkt ist. Und wenn sich die eigene kleine Welt nur um sich und das eigene Viertel dreht, dann stoßen ein paar Aufkleber auf Laternenmasten eben besonders sauer auf:

ZEIT: Sie verlangen, dass die Polizei sich um Sticker an Laternen kümmert?

Kluger: In der Tat.

»Sachbeschädigung« durch Sicker auf Laternenmasten ist sein erstes Beispiel um seine These von der »Erosion des Rechtsstaats« zu untermauern. Das wäre eine gute Posse für den Postillon, wenn es nicht so traurig wäre. Diese »Verwahrlosung von Innenstädten« ist ihm so wichtig, dass es ihn zu Pegida auf die Straße trieb um sich Luft zu machen. Zum Beispiel gegen »Alibaba und die 40 Dealer«. Der Widerspruch, dort einem mehrfach verurteilten Einbrecher, Drogenhändler und Gewalttäter hinterher zu laufen ist ihm dabei, wenn überhaupt bewusst, vermutlich egal. Mit der sonstige Hetze bei Pegida muss man nicht überein stimmen, vermutlich ist sie aber in Kauf zunehmen, wenn man Recht und Ordnung am heimischen Laternenmast durchzusetzen gedenkt.

Kluger, der Geschichtslehrer ist, bezeichnet Höckes Rede in Dresden als unerhört. Stattdessen ist er auf den »angemessenen Umgang mit der Geschichte« stolz. Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen. Nachdem unsere Vorfahren über sechs Millionen Menschenleben mit industrieller Effizienz ausgerottet haben, ist jedes Mahnmal, jede Gedenkstätte und jedes Museum das absolut mindeste was der Anstand gebietet. Stolz verbietet sich hier gänzlich!

Das versuche ich auch meinen Schülern zu vermitteln: den Stolz darauf, dass wir nach 1945 Aufarbeitungsweltmeister geworden sind.

Reinhard Gehlen würde das gefallen. Vermutlich konnten deshalb, noch 60 Jahre nach Ende des dritten Reichs, Neonazis bald 10 Jahre lang – gedeckt und Finanziert durch Sicherheitsbehörden – mordend durch das Land ziehen und jeden Umbringen, der nicht in ihr nationalistisches Weltbild passte: weil wir »Aufarbeitungsweltmeister« geworden sind.

Man kann den Interviewern der Zeit vorwerfen, dass Kluger das bekannte Muster abruft und sich als Opfer inszenieren kann, vor allem zu Beginn. Letztlich entlarvt er sich und seine rassistische Grundhaltung dann aber doch selbst:

Ich möchte keine Stadtviertel mit Mehrheitsverhältnissen, bei denen Integration nicht stattfinden kann. Ich möchte keine einzige Straße und auch keine einzige Schule, wo diejenigen, die sich in unsere Gesellschaft integrieren müssen, in der Mehrheit sind. Und ich möchte auch nicht, dass ein Sportverein eine komplette Flüchtlingssportgruppe eröffnet. Ich möchte, dass sich im Verein die Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft integriert. Dann, bin ich der Meinung, kann das funktionieren.

Du kannst ihnen die Betriebe privatisieren und zerschlagen und das Märchen von freien selbstregulierenden Märkten und Trickle-Down gebetsmühlenartig auftischen. Du kannst ihnen Riester und Rürup und Hartz als alternativlos verkaufen. Du kannst ihnen über Jahrzehnte hinweg den Sozialstaat unterm Arsch weg kürzen und sie treten doch immer nur nach Unten. Es widert mich an.

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