Der erfundene Hinterhalt

Über die Krawalle in Hamburg ist eigentlich alles geschrieben worden. Über das Kalkül der Polizeistrategie und die danach folgende Propaganda, die das Bild von den Staatsgefährdenden »Linken« zeichnet, welches für den Augenblick die sonst allgegenwärtige Gefahr durch den Islamistischen Terrorismus ersetzt. Die »Gefährder« sind vermutlich gerade im Sommerurlaub.

Man ist inzwischen ja einiges gewohnt, aber der mediale Irrsinn scheint gerade eine neue Eskalationsstufe zu erreichen. Kaum ein Wort wird verloren über Polizeigewalt. Über die faktische Aufhebung der Pressefreiheit. Darüber, das Spezialeinheiten mit Kriegswaffen in ein Viertel geschickt werden, um Haus für Haus, Wohnung für Wohnung zu durchkämmen um ein paar Chaoten fest zu nehmen. Den BILD lesenden Michel freut es – immer feste drauf!

Ich habe die Ereignisse am Freitag Abend über das Internet und TV verfolgt und muss gestehen, dass mich die Bilder der schwer bewaffneten Spezialkräfte anfänglich nicht sonderlich erschreckt haben. Rückblickend frage ich mich, an was man sich da inzwischen schon gewöhnt hat. In wie fern sind Polizisten, bewaffnet mit Sturmgewehren, besser gerüstet gegen »Gehwegplatten« und Molotov-Cocktails, deren angebliche Existenz als Grund für das stundenlange zögern genannt wurde, als Wasserwerfer und Räumpanzer? Da muss irgendjemand Tote, zumindest aber Schwerverletzte in Kauf genommen haben, als diese Entscheidung viel.

Hat eigentlich schon mal jemand versucht, »Gehwegplatten« über ein Baugerüst auf ein Hausdach zu bugsieren? Während der Zahlreichen live Bilder und den noch zahlreicheren Videos im Internet ist mir eines die ganze Zeit nicht aufgefallen: Molotov-Cocktails. Gut, das muss nichts heißen, schließlich kann nicht jede Ecke immer gefilmt werden.

Um so interessanter wurde es, als die Polizei am Montag, nach Sichtung ihrer vermutlich zig hundert Stunden Videomaterials einen vermeintlichen Beweis für die Molotov-Cocktail Story präsentierte. Gezeigt wurde ein unscharfes Video einer Nachtsichtkamera eines Hubschraubers, auf dem ein Man einen hell leuchtenden Gegenstand wirft, der ein Molotov-Cocktail sein könnte. Der zu erwartende Feuerball beim Aufschlag blieb glücklicherweise aus, da es sich um einen Blindgänger handelte. Das ist so lächerlich. Es gab nie einen »vorbereiteten Hinterhalt«.

Was bleibt ist eine emotionale hysterische »Debatte« der jegliche Relation und jeglicher Maßstab abhanden gekommen ist. Was weiß man eigentlich über die Motive der Täter? Fragt man die Anwohner waren das mitnichten nur »typische Linke« sondern auch reichlich »erlebnisorientierte« Partytouristen. Stellt sich die Frage, was außer Alkohol und Stumpfsinn könnte einen jungen Menschen noch auf die Straße treiben? Perspektivlosigkeit, Armut und Ausbeutung fielen mir da ein. Bedenkt man, dass in nahezu allen Ländern Südeuropas eine Jugendarbeitslosigkeit von 50% und mehr herrscht, können wir vermutlich ganz froh sein, dass sich nicht noch weit mehr Menschen auf den Weg gemacht haben um ihren Frust in der Nähe der Großen 20 abzulassen.

Das Resultat des Gipfels könnte für die Sicherheitsbehörden und die rechten Parteien besser nicht sein, der Wahlkampf lässt grüßen. Für den nächsten Gipfel hat man viel Erfahrung sammeln können aber bis dahin wird es weit mehr Befugnisse für die einen und weit weniger Rechte für die anderen geben, dafür werden die Innenminister schon sorgen.


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