Bildschirme töten

Gestern schrieb Heise über das Gejammer der Privatsender, dass Youtube künftig auch ganze Filme und TV-Produktionen zeigen will. Das Verbot einer gemeinsamen Plattform von Pro7/Sat1 und RTL durch das Kartellamt wertet man als das Verbot benutzerfreundliche Angebote zu schaffen.

Da passt es ins Bild, dass heute Morgen im Sat1-Frühstücksfernsehn Manfred Spitzer eine Plattform für seine absurden Thesen bekam und die Werbetrommel für sein Buch »Digitale Demenz« rühren durfte. Ich habe nur durch Zufall reingezappt und zu spät um den Namen mit zu bekommen. Kernaussage: wir brauchen keine Medienpädagogik in den Grundschulen, denn man wisse ja Computer machen süchtig und demnach wäre alles mit Computern in der Schule nichts weiter als »Anfixen«. Den Namen, den ich vorher auch nicht kannte, habe ich übrigens erst durch Googlen dieser Aussagen herausgefunden. Auf der Website dieses Formats konnte ich mich lediglich über mein Horoskop informieren. Auch das hinterlassen eines Kommentars mit der Frage, wer denn da herumpoltert, war mir nicht vergönnt, dazu braucht man einen Facebook-Account. Benutzerfreundliche Angebote, war da was?

Als Benutzerfreundlich in dem Sinne, ein qualitativ hochwertiges Produkt zu liefern wäre es auch gewesen, wenn das Moderatorenduo die ein oder andere Aussage mal hinterfragt hätte, anstatt nur nickend »Ja hmmm« zu säuseln und bestätigend das nächste Stichwort zu reichen. Dafür werden aber Zuschauerfragen per Facebook (ha ha ha) zugelassen. An dem Tag, an dem an der Uni kritischer Journalismus gelehrt wurde, waren die beiden offenbar krank. Apropos Uni, Herr Spitzer ist Professor(!). Von einem solchen hätte ich erwartet, dass er differenziert zwischen »Bildschirm«, »Medienpädagogik« und »Computerspielen« unterscheidet anstatt Vergleiche zu »Alkoholpädagogik« zu konstruieren, die man ja auch nicht an Grundschulen lehre, obwohl Alkohol süchtig mache. In seinem Buch »Vorsicht Bildschirm« liest man Sätze wie:

Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in den USA jährlich etwa 10.000 Morde und 70.000 Vergewaltigungen weniger […]

Klar, und in Gegenden mit großer Storchenpopulation sind die Geburtenzahlen höher.

Kinder und Jugendliche verbringen circa sieben bis acht Stunden ihres Lebens mit Schlafen. Das ist, pfff, ja… hat man so raus gefunden, kann man messen, wissen wir, wissen sie alle, ja?

Manfred Spitzer bei einem Vortrag

Messen Sie noch mal nach, Herr Professor! Einen sinnvollen Umgang mit Medien in der Schule zu lehren wird noch viel zu nachlässig verfolgt. Man kann nicht früh genug damit anfangen, Kindern beizubringen ihren eigenen Kopf zu gebrauchen und nicht alles zu glauben, was im Internet steht, oder Professoren im TV so von sich geben. Dann sind sie wenigstens darauf vorbereitet, wenn sie früher oder später zwangsläufig auf »Bildschirme« treffen. Sie würden sicher auch keine Bücher von Spitzer kaufen, was ein Grund für seine Auftreten sein könnte.

Weitere Lektüre:
Dirk Frank – Vorsicht Bildschirm? Wie man sich gegen populistische Thesen zur
Wirkung von Fernsehen und Computer
wappnet
(pdf)

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