Gendrische Befindlichkeiten

Es wird mal wieder eine Sau durchs digitale Dorf getrieben. Oder zumindest sieht es der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch so. Auslöser ist eine Werbekampagne von Thomann.de, die man offenbar als »sexistische Kackscheiße« interpretieren kann. Sie stellt die Assoziation zu Gefühlen, die ein leidenschaftlicher Musiker beim Musizieren empfindet, bildhaft dar. Der Slogan: »Play it – Feel it«. Ein Musiker wird nur dann wirklich gut sein, wenn er nicht nur das Handwerk seines Instruments/seiner Stimme beherrscht, sondern sich auch emotional auf die Musik einlässt. Ich selbst spiele gerne Klavier, konzentriere mich dabei hauptsächlich auf rhythmische und technische Präzision und bin wahrscheinlich nicht so gut, dass ich dabei jemals an Sex gedacht hätte. Sei’s drum, offenbar ist auch diese Assoziation nicht ganz weltfremd und so wurde das ganze auch zu einem Motiv der Kampagne und zum Stein des Anstoßes der Empörung.

Mir wäre das ganze Theater leidlich egal und ich hätte wohl schmunzelnd den Tab geschlossen, aber mir geht in dem Zusammenhang schon seit einer Weile ein Gedanke durch den Kopf, über den ich schon länger mal schreiben wollte: die Tendenz, in alles nicht niet- und nagelfestes eine frauenfeindliche Haltung hinein zu interpretieren. Vor allem beim Sprachgebrauch, wie das Beispiel wunderbar verdeutlicht.

Zurück zum Bild der Empörung. Der Autor beschreibt seine Sicht der Dinge:

Der Mann spielt Klavier, und das offensichtlich sehr gut. Die Frau ist, nun ja, im Grunde völlig auf ihre Vagina reduziert. […] für mich sieht das verdammt nach sexueller Objektifizierung der Frau aus:

Objektifizierung steht entgegen der Wahrnehmung anderer als Individuen mit komplexen Persönlichkeiten und eigenen Wünschen und Plänen. Dies geschieht, besonders in Bezug auf Frauen, indem nur über ihren Körper oder Teile ihres Körpers gedacht oder gesprochen wird.
Originalquelle

Bei dem Pärchen, dass es da im Auto treibt sehe ich weder von dem Mann, noch der Frau den Oberkörper. Das es sich beim Mann um die selbe Person handelt ist eine Vermutung. Selbst wenn es so wäre, dann zeigt das untere Bild einen völlig anderen Kontext – der Slogan sollte dann keinerlei Zweifel mehr daran lassen, das man die Aussage banal auf »Mann spielt Klavier, fühlt sich an wie Sex« und nicht auf »Mann beherrscht Frau, wie er das Klavier beherrscht« reduzieren kann. Aber den zweiten Teil des Slogans »Feel it!« ignoriert der Autor (bewusst?) in seiner Betrachtung und übertreibt maßlos:

Der Slogan “Play it” unterstreicht das: Da ist das Bild des Pianisten, der sein Instrument spielt. Da ist das Bild des Pianisten, der in seinem Wagen Sex hat. “Die Frau” auf dem Bild ist Schenkel. Sie ist eine Vagina. Sie ist kein Individuum. Kein Mensch.

Schaut man sich die anderen Motive an, wird deutlich, dass der untere Teil keineswegs die selbe Person des oberen Teils darstellt, sonst müsste die Cellistin nach getaner Arbeit in Martial-Arts Filmen mitspielen und die Sängerin zur Libelle mutieren, der Gittarist Krokodile bändigen usw. Eine Vagina kann ich auf dem Bild auch nicht erkennen. Womit wir beim nächsten pragmatischen Interpretationsansatz wären: die Bildauswahl. Bilder, die gezielt bestimmte Emotionen wecken, sollen kombiniert werden mit Bildern von Musikern bei der Arbeit, in der Art, dass Formen, z.T. Farben und Bewegungen in einander überzugehen scheinen. Wer schon mal einen Pianisten gesehen hat wird wissen, dass dessen Hüftbewegungen nicht gerade denen gleichen, die man beim Mann im unteren Bild vermuten würde. Die Autoren mussten also ein Bild wählen, das Sex in einer für eine Werbekampagne noch vertretbaren Art und Weise darstellt. Dass sie dabei ein Plakat erstellt haben, dass Beissreflexe von »Feminismus-Noobs« (er bezeichnet sich selbst so) auslöst, hätte auch ich nicht vermutet.

Überhaupt ist der Text sehr suggestiv angelegt mit der »Triggerwarung« am Anfang und der Warnung vor dem Bild. Es scheint, dass er nicht seine eigenen Eindrücke wiedergibt sondern versucht sich nach einem bestimmten Kodex zu verhalten:

Ich befasse mich seit etwas über einem halben Jahr intensiver mit der Thematik [Feminismus], weshalb ich oft unsicher bin wann Kritik angebracht ist, wann etwas sexistisch ist und wie darauf zu reagieren ist.

Wie wäre es denn, wenn Du das für dich selbst entscheidest? Wer hat eigentlich die Entscheidungshoheit darüber, was als sexistisch gilt und was nicht? Ich hatte bis gerade eben übrigens keine Ahnung, ob es sich bei dem Autor um einen Mann oder eine Frau handelt, ich habe bewusst nicht ins Impressum geschaut – es ist im Prinzip ja auch egal.

Womit ich zum eingangs erwähnten Artikel von Anatol komme. Seiner Meinung nach ist das generische Maskulin nicht existent und diejenigen die es verwenden sind (wenn auch unterbewusst) latent frauenfeindlich eingestellt. Thomann hat auf Facebook eine Erklärung zu der Werbekampagne abgegeben:

[…]Es geht in unseren Anzeigen ausschließlich um die Gefühle, die man beim Musikmachen hat – um nicht mehr, aber auch nicht um weniger!

Jeder Musiker kennt wahrscheinlich die Gefühle, die Emotionen und die Leidenschaft aus unseren Anzeigen. Natürlich fühlt nicht jeder das gleiche und manche hier finden unsere bildliche Umsetzung der Gefühle nicht gut. Das ist ok, aber uns dann gleich vorzuwerfen, wir würden nur Werbeanzeigen gestalten, um absichtlich Leute oder Tiere zu quälen und zu diskriminieren, das finden wir schade. :-/[…]
Quelle: facebook.com/musikhausthomann/posts/266553896786168

Das wird von Anatol wie folgt Zitiert:

Mir geht es um die nächsten zwei Absätze (meine Hervorhebungen in kursiv):

Es geht in unseren Anzeigen ausschließlich um die Gefühle, die man beim Musikmachen hat – um nicht mehr, aber auch nicht um weniger! Jeder Musiker kennt wahrscheinlich die Gefühle, die Emotionen und die Leidenschaft aus unseren Anzeigen. Natürlich fühlt nicht jeder das gleiche und manche hier finden unsere bildliche Umsetzung der Gefühle nicht gut. …

(Daran habe ich nichts geändert.) Suggestion, ick hör dir trapsen, ob die Bolds da nun aus Versehen rein gerutscht sind kann ich nur vermuten, aber es ist klar, worauf er hier abzielt und behauptet:

Es geht nicht darum, welche Gefühle „man“ beim Musikmachen hat, es geht darum, welche Gefühle „Mann“ beim Musikmachen hat.

Das ist schlicht weg eine unverschämte Unterstellung. Wenn man von Musikern spricht kann man unmöglich nur Männer meinen, es sei denn, man ist wirklich massiv misogyn eingestellt. Mit solchen Unterstellungen wäre ich sehr vorsichtig.

Wer sich beim generischen Maskulin nicht angesprochen fühlt, oder Frauen ausgegrenzt sieht, der darf gern Sprachkonstrukte wie, Binnenmajuskel oder Unterstriche verwenden. Dann aber bitte auch konsequent z.B. von »GästInnen« einer Party oder »das Fussballfan« oder aber »der Faninn« sprechen und im Sinne der Gleichberechtigung eine Sprachform anbieten, die explizit nur Männer meint, sowie einer männlichen Version von »Person« .  Jener (der) solle sich aber auch bitte jegliche Unterstellung gegenüber denen verkneifen, die es anders handhaben. Es lässt keineswegs auf eine latente oder unbewusste Ablehnung von Gleichberechtigung aller Geschlechter schließen. Danke.

Wie könnte ich im letzten Absatz eigentlich nur Männer gemeint haben? Bzw. wie hätte ich es gender-sensibel formulieren müssen.  Ich habe das generische Maskulin in der Grundschule zu verstehen gelernt und es noch nie irgendwo ausgrenzend interpretiert.

Auch Anatol sucht quasi nach Sexismus:

Man könnte tiefer in die Analyse einsteigen, dann würde deutlich, dass selbst die Auswahl der Instrumente sexistischen Mustern folgt — Männer dürfen Gitarren, Schlagzeuge, Klaviere und noch mehr Gitarren spielen, Frauen dürfen singen (was ja im Zeitalter der Casting-Shows jede/r darf) oder ein schon fast pornoklischeehaftes Cello (zwischen den Beinen) halten

Interessant, wer hier die Bilder auf (über drei Ecken) den sexuellen Aspekt reduziert. Wahrscheinlich sind der Gitarrenhals und der Drumstick dann ein Phallussymbol? Den Cellobogen und das Krokodil bekommen wir da auch noch irgendwie unter. Oh Mann.

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