Getroffene Hunde 2

Die Kritik über Günter Grass‘ Gedicht »Was gesagt werden muss« scheint sich gerade zum Wochentrend aufzuschwingen. Vieler Orts ist von »Israelkritik« und sogar »Antisemitismus« die Rede. Reflexartig wird die Nazi-Karte ausgespielt und die Kritik zieht sich an dem wohlwollenden Reaktionen rechtsradikaler Presse hoch. Inhaltlich sagt das natürlich nichts aus, würden solche Spinner auch Sand fressen, wenn man ihnen das nur glaubhaft als urdeutsche Tugend verkauft.

Grass selbst empfand ich noch nie als sympatischen Zeitgenossen, über seine bisherigen Werke kann ich nichts sagen, weil ich sie nicht kenne. Was er hier verfasst hat ist, zugegeben, mit viel Pathos formuliert und ziemlich stark überzeichnet. Die Kernaussage muss ich aber teilen. Wer will kann darin natürlich Kritik an »Israel« heraus lesen, man muss es nur wortwörtlich interpretieren. Man kann es aber auch anders lesen. Da war doch erst kürzlich was? Richtig, die Aktion »Iranians, we love you«. Angestoßen von einem Israelischen Vater hat sie weite Kreise gezogen und gezeigt, dass es eben nicht »Israel«, sondern Israels national-konservativ geprägte Außenpolitik ist, die das Prinzip Säbelrasseln auf die Fahnen geschrieben hat. (Ich traue es eigentlich jedem zu, dass soweit zu differenzieren, auch Grass.) Das dies die denkbar dümmste außenpolitische Methode ist, sollte seit der Kuba-Krise geläufig sein.

Hier sind wir am zweiten Kritikpunkt von Grass. Deutschland betätigt sich als Knappe, der das entsprechende Zeug zum Rasseln reicht. Wir liefern Waffen in eine Krisenregion mit hohem Konfliktpotential.  Von deutschem Boden soll nie wieder ein Krieg aus gehen. Das bedeutet offenbar nicht, dass man an Kriegen auf fremden Böden nicht ordentlich mit verdienen kann.

Warum sollte der Iran Israel überhaupt in den Forderungen nach internationaler Kontrolle ernst nehmen wenn Israel »offiziell« gar keine Atomwaffen besitzt? Und wieso fordert das niemand lautstark von Israel ein, wohl aber vom Iran? Zweifellos ist ein mit Nuklearwaffen ausgestatteter Iran ein Risiko für den Weltfrieden (ha, ha), vielleicht sogar ein höheres als jedes andere Land, dass über Atomwaffen verfügt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Israels derzeitige Außenpolitik einen gefährlichen Kurs fährt, der keinesfalls eine friedliche Lösung verspricht. Ob man die Gefahren quantifizieren und in Relation zueinander setzen muss ist fraglich und erinnert eher an Sandkasten-Rhetorik: »Aber Mami, der hat auch…«.

Grass hat aus meiner Sicht ziemlich ungelenk den Finger in die Wunde gelegt. Leider hängt sich Kritik hier zu sehr an der Person auf. Mit seinen prophylaktischen »Ich weiß schon, was jetzt kommt« Formulierungen hat er das vielleicht unbewusst herausgefordert. Andererseits hätte es anders Formuliert gar nicht so hohe Wellen geschlagen.

Egal. Ich hoffe vor allem für die Menschen in der Region, dass die Vernunft die Oberhand behält über ideologischen Starrsinn. Andernfalls haben wir alle ein großes Problem.

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