Offener Brief an Wolf Biermann

Geschrieben am 08.09.2014 gegen 19 Uhr


Guten Abend Herr Biermann,

ich schreibe diesen Brief als meine persönliche Reaktion auf ihren gestrigen Auftritt im Bundestag.

Meine Kenntnis um Ihre Person beschränkt sich im Wesentlichen auf die Fakten, die auch der Kurzvita Ihrer Website zu entnehmen sind. Das erste mal von Ihnen gehört habe ich vor langer Zeit im Schulunterricht. Ihnen wurde als Systemkritiker in der DDR der Mund verboten und schließlich wurden Sie ausgebürgert. Ich kann es mir nicht vorstellen was das für einen Menschen bedeuten muss. Sie haben nicht aufgeben und somit auch einen persönlichen Beitrag zur Wiedervereinigung geleistet. Dafür haben Sie meinen Respekt und meinen Dank.

Vermutlich hätte ich mich gerade heute nicht an ihren Namen erinnert, hätte ich nicht ihren Auftritt im Bundestag angesehen. In diesem Bezeichnen sie »Die Linke« im Gesamten als »Reste der Drachenbrut« beziehungsweise als »elenden Rest«. Das allein hat für viel Wirbel gesorgt und bringt ihnen sicher viel Kritik ein. Ich gestehe, auch mich hat das im ersten Moment zornig gemacht. Nach einer Runde Laufen im Sonnenuntergang ist dieser Zorn verflogen und Verwunderung und Erstaunen gewichen.

Ich bin jetzt 29 Jahre alt, bin in Dresden geboren und aufgewachsen und habe demnach die Wende in ihrer politischen Tragweite nicht bewusst miterlebt. Als Glück empfinde ich es, in einem vereinten Deutschland eingeschult worden zu sein. Heute habe ich einen guten Job bei einem noch besseren Arbeitgeber und habe das Privileg mein Leben und meine Zukunft nach meinen Vorstellungen planen zu dürfen. All das ist möglich da ich Bürgerrechte genieße, für die auch Sie mit gekämpft haben.

Und dennoch, gibt es vieles, was ich mir noch wünsche, mehr noch, was ich von der Zukunft erwarte.

So kann ich es zum Beispiel nicht akzeptieren, dass es in diesem Land immer mehr Menschen gibt, die trotz eines Arbeitsplatzes nicht von ihrem verdienst leben können und gleichzeitig ein immer kleiner Teil der Gesellschaft immer mehr Besitz auf sich vereint. Ich kann es nicht akzeptieren, dass Menschen ohne Arbeit als weniger Wert erachtet werden, gar als Last für die Gesellschaft abgestempelt werden.

Als beschämend finde ich es, dass Reformen der jüngeren Vergangenheit, die diese Zustände direkt verursacht haben, von deutschen Politikern anderen Staaten in der EU aufgedrängt werden, alles im Namen der Wettbewerbsfähigkeit.

Es widerstrebt mir zutiefst, dass unser Land anstatt solidarischer Systeme wie dem Gesundheitssystem oder dem »Generationenvertrag«, Waffen in alle Welt exportiert aber eben jene Systeme hier mehr und mehr einer Ideologie vom freien Markt opfert. Dafür werden Flüchtlinge aus Kriegen, die auch mit unseren Waffen gefochten werden, mit aller macht abgehalten, Europäischen Boden zu erreichen. Gelingt es ihnen dennoch nach Deutschland zu kommen, erwartet sie hier eine Behandlung voller Skepsis und Furcht, die nicht selten in Feindlichkeit umschlägt.

Ich möchte nicht, dass sich Deutschland an Kriegen beteiligt, egal wo auf der Welt. Ich kann es nicht verstehen, warum Unsummen an Steuergeldern ausgegeben werden um Banken zu retten, gleichzeitig aber an Bildung, Infrastruktur und Kultur immer mehr gespart wird.

Es widert mich regelrecht an, dass in diesem Land Nazis über 10 Jahre unentdeckt mordend durch das Land ziehen konnten, gedeckt und gefördert durch völlig unfähige Behörden, Menschen, die sich aktiv gegen Rechts einsetzen, aber staatliche Repressionen fürchten müssen. Ich will, dass diese Strukturen aufgedeckt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden!

Am allerwenigsten will ich aber, dass jedes meiner Telefonate, jede E-Mail und jede sonstige elektronische Kommunikation von Geheimdiensten, seien es Deutsche oder sonst welche, Protokolliert, Mitgeschnitten und mit Algorithmen auf verdächtigen Inhalt durchsucht werden! Wenn vielleicht nicht in allen, aber wenigstens in diesem Punkt können Sie mich vielleicht verstehen.

Ich will auf keinen Fall unter einem totalitären Regime leben müssen, sehe uns aber an manchen Tagen leider auf einem guten Weg dahin. Solange ich also noch das Privileg habe, wählen zu gehen, und solange diese Demokratie das Wert ist, was sie im Schein der Ereignisse um den 09. November 1989 zu seien scheint, frage ich Sie: Welche Partei (mit ernst zu nehmenden Chancen) kann ich denn noch wählen, die wenigstens noch im Ansatz mit diesen meinen Ansichten eines gerechten und freien Deutschlands übereinstimmt? Welche Partei besitzt denn den Mut, dieses menschenfeindliche und kalte Wirtschaftssystem offen zu kritisieren?

All diese Misstände in unserem Land haben wir direkt oder indirekt den Parteien zu verdanken, die Sie vermutlich als »demokratisch« bezeichnen würden. Haben Sie damals wirklich dafür gekämpft, dass diese »demokratischen« Parteien heute abwechselnd den Stillstand verwalten?

Mit Dank, dass Sie sich die Zeit nahmen um den Brief zu lesen grüßt Sie
D.Naber


Den Brief sandte ich per E-Mail an die Adresse der Pressestelle von Wolf Biermann. (Leider ließ sich die Mail nicht verschlüsseln, da ich kein passenden PGP-Schlüssel gefunden habe.)

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