Musterschüler Mittagsmagazin

Es geht wieder aufwärts in Europa. So berichtet es heute das Mittagsmagazin des ersten Staatsrundfunks über den »Musterschüler Irland«. Der Beitrag zeigt in vorbildlicher Weise, wie objektive Berichterstattung im Sinne des Marktes zu sein hat.

Eine fleißige Unternehmerin, die mutig in der Krise ein Cafe gründete und heute dreizehn Angestellte ihr Eigen ihre Kollegen nennen darf, wird durch geschickte portraitierung als allgemeingültiges Symbol für die Verhältnisse der Iren platziert.

Nicht nur dass, die Unternehmerin übt sich geradezu mustergültig in Zurückhaltung:

Ja wir sehen, dass es Irischen Firmen langsam wieder besser geht. Aber es hat im hohen Maße auch damit zu tun, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Wir lernen, dass wir einfach auch mit etwas weniger Zufrieden sein können.

Wenn doch nur mal die Griechen so demütig wären.

Nicht fehlen darf natürlich ein Priester der neuen Religion (»Analyst«), der die heiligen Zahlen verkündet: 4% Wachstum! Der Analyst spricht:

Das verdanken wir unserer sehr offenen, exportorientierten Wirtschaft. Wir haben internationale Firmen wie Facebook und Google anziehen können, wegen der niedrigen Unternehmenssteuer.

Jeder Hofberichterstatter mit Berufsethos lässt das so unkommentiert im Raum stehen und schaltet direkt zu den schönen Bildern der ranghöchsten Deutschen Gebetsmühle, die Staatsmännisch durch das Bild schreitet. Ganz wichtig hier noch einmal den »Europäischen Musterknaben« aus dem Off zu betonen!

Diesem Europäischen Musterknaben macht der Deutsche Bundespräsident in diesen Tagen seine Aufwartung, nicht ohne die artigen Iren freundlichst zu loben: Sie haben eine Rosskur hinter sich; die Bürger gebeutelt, die Geldgeber zufrieden. Chapeau! – meint der Präsident und zeigt sich beim Staatsbanket erleichtert, dass auch eine Lösung für das nicht ganz so artige Griechenland in Sicht sei.

Um die Artigkeit der Iren zu verdeutlichen, zählt der Beitrag die Entbehrungen auf, die das Volk mit gemacht hat:

Sieben Sparhaushalte, die Erhöhung der Mehrwertsteuer, das Eindampfen von Arbeitslosenhilfe und Kindergeld, die Kürzung der Beamtenbezüge um 14%.

Mit Unverständnis fährt die Sprecherin fort …

Und jetzt erst, da es ausgerechnet ums Wasser geht, begehren sie auf. Weil, privatisiert, sollen sie nun Zahlen für ein Gut, an dem hierzulande nun wirklich kein Mangel ist.

Der Beitrag entlässt den geneigten Zuschauer hier in die einzig noch mögliche Richtung um den letzten Gedankengang selbst zu beschreiten: Großes Angebot, geringer Preis, das lernt jeder Novize schon im Religionsunterricht. Warum also begehren die sonst so »artigen« Iren gerade hier auf?

Ein gutes Stilmittel ist ein Rahmenthema. So auch bei diesem Beitrag. Also zurück zur eingangs vorgestellten Unternehmerin. Deren Geschäftspartnerin zieht an die Westküste um ein weiteres Cafe auf zu machen, denn

… fern der Hauptstadt lässt der Aufschwung weiter auf sich warten.

Dank dieses brillanten Beitrags des Mittagsmagazins ist der Zuschauer gut informiert und weiß sicher, wie der Aufschwung bei den Iren auch auf dem Land ankommt. Weiter sparen, weiter privatisieren und noch niedrigere Unternehmenssteuern.

Chapeau! Mittagsmagazin.

Disclamer: Der Beitrag wird vermutlich bald depubliziert. Alle Zitate sind wortwörtlich dem Beitrag entnommen. Eine Ironie war nicht erkennbar.

 

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