Wie die Wirtschaftsheiligen Geld in Wasser verwandeln

Immer wieder begehe ich diesen Fehler. Zur Mittagszeit, das Essen ist zubereitet, schalte ich die Flimmerkiste ein um der Ruhe im Home-Office (ja, das hat auch Nachteile) etwas entgegen zu setzen und mich beim Essen berieseln zu lassen. Da auf den Privaten ohnehin nur Schrott kommt bleibe ich meist beim Mittagsmagazin hängen. Das allerdings ist erfahrungsgemäß nur ratsam, wenn man an zu niedrigem Blutdruck leidet. Vielleicht hat Hannelore »Hansi« Fischers akrobatischer Sprechstil aber auch etwas hypothetisch/meditatives an sich, ich weiß es nicht.

Es ist kurz nach halb 2, gleich kommen die »Wirtschaftsnachrichten«. Zuvor aber läuft ein Beitrag über die zunehmende Wasserknappheit im Brasilianischen Sau Paulo. Ich erfahre, dass dort die Wasserversorgung nur noch für wenige Stunden am Tag (meist in den Morgenstunden) aufrecht erhalten werden kann. Das trifft natürlich die Ärmsten zuerst, aber auch ab Mittelschicht aufwärts sind die Menschen inzwischen davon betroffen. Regenwaldrodung, Klimaerwärmung, Fakt ist: Die Wasserspeicher trocknen langsam aus.

Direkt im Anschluss darf ein »Wirtschaftsethiker« unwidersprochen in das ihm hingehaltene Mikrophon seine Empfehlung plappern, beim Gut Wasser die »Modelle des Marktes« zu verwenden, anstatt in den zwei Schubladen Richtig/Falsch zu denken, wenn es um die Frage geht, ob Wasser als Spekulationsobjekt behandelt werden darf.

DIE MODELLE DES MARKTES! Frag doch mal die Menschen in den Townships Südafrikas, denen Nestlé das Wasser vor der Nase wegkarrt, was sie von den Modellen des Marktes halten! Vielleicht haben die ein offenes Ohr für deine Schubladenthese. Argh!

Denn, so fährt er fort, dass knappe Gut kann dadurch, das wir investieren in ein verfügbares Gut verwandelt werden. (Die Rede ist immer noch von Wasser, denke ich zumindest. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Herr Professor Wirtschaftsethiker das auch gemerkt hat.)

Wer soll den da was investieren? wäre meine nächste Frage. Just kommt der Mikrophonhalter seiner Rolle als Stichwortgeber nach und behauptet: »Das heißt die Unternehmen stecken natürlich Geld hinein, um tatsächlich es [das Wasser] verfügbar zu machen…« Klaro, Unternehmen stecken Geld rein, natürlich ganz uneigennützig. ARGH!

Er fährt fort: »Nun sind ja einige Unternehmen in die Kritik geraten, z.B. Nestlè…« Halt, warte! Kritische Nachfragen im Mittagsmagazin? Zu Wirtschaftsthemen? Nein, der Mikrophonhalter dreht ab und schwenkt auf die Argumentation von Nestlê um, die da lautet, dass Wasser einen Preis haben müsse, sonst wird zu viel Verschwendet.

Kann man der Argumentation folgen Herr Professor Wirtschaftsethiker?

»Das kann schon sein. Es ist nicht per se schlecht, dass ein Unternehmen versucht, mit etwas, dass auf dem Markt Erfolg haben kann, auch Geld zu verdienen.«

Die Rede ist hier nach wie vor von Wasser! Marktteilnehmer ist natürlich nur der, der über das nötige Kleingeld verfügt.

»Ich glaube die Wichtigste Frage ist, dass wir aufpassen, dass ein solches unternehmen nicht in eine Monopolstellung gerät…«

Okay, Schluss aus. Ich kann nicht mehr. Das wird mir zu blöd. Professor, für was eigentlich? Monopolbildung gehört zu den »Modellen des Marktes« wie dumme Interviews an der Börse zum Mittagsmagazin. Waren es nicht die Modelle des Marktes, die … ach lassen wir das.

Hauptsache, der doofe Zuschauer ist ein weiteres mal von der Unfehlbarkeit des Kapitalismus überzeugt worden, man muss nur aufpassen, dass man das Kapital auch ordentlich an die Leine legt.

Die einzig interessante Frage wird natürlich nicht gestellt: Hat das schon jemals irgendwo langfristig funktioniert? Natürlich nicht.

 

 

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